
Reto Rutz ist Managing Director und Partner bei valantic und verantwortet gemeinsam mit seinem Team die Standorte in St. Gallen, Dornbirn und Zürich. Seine Karriere begann im Vertrieb und führte ihn über verschiedene Stationen im Business Development bis in die Geschäftsleitung. Diese Entwicklung prägt bis heute seinen Blick auf digitale Transformation – mit einem klaren Fokus auf Kundennutzen und Mehrwert. Mit über 25 Jahren Erfahrung in den Bereichen Sales, Marketing und Führung verbindet er strategisches Denken mit operativer und pragmatischer Umsetzung. Seit 2021 ist er Präsident des Ostschweizer IT-Netzwerks <IT>rockt! und seit 2024 Boardmitglied von digital-liechtenstein.li. In beiden Rollen engagiert er sich aktiv für die Vernetzung und Weiterentwicklung der regionalen Tech-Community.
Reto, valantic verzeichnet seit Jahren ein starkes Wachstum und hat sich als relevanter Player im Digitalbereich etabliert. Was sind aus deiner Sicht aktuell die wichtigsten Treiber dieser positiven Entwicklung?
Aus meiner Sicht sind es mehrere Faktoren, die hier zusammenspielen. Zentral ist sicherlich unsere klare Ausrichtung auf echte Business-Probleme unserer Kunden. Viele Unternehmen – und auch Dienstleister – denken zuerst an die Technologie oder an Produkte. Wir starten bewusst bei den Menschen, den Prozessen und der Arbeitsweise und entscheiden erst dann, welche Technologie wirklich passt. Ebenso wichtig ist unsere Fähigkeit, Disziplinen zusammenzubringen, die oft noch getrennt sind – Menschen, Daten und Technologie. Das klingt einfach, ist in der Umsetzung aber genau der Knackpunkt.
Und schliesslich unser Team und unsere Kultur. Wir haben engagierte und ambitionierte Menschen, die Verantwortung übernehmen und nah am Kunden arbeiten. Sie wollen unsere Kunden verstehen und mit ihrem Handeln einen Wettbewerbsvorteil bieten. Diese Kombination aus Verständnis und Umsetzung macht am Ende den Unterschied.
Wie verändert die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz eure Projekte, eure Kundenbeziehungen und euer Leistungsversprechen?
In Projekten sehen wir vor allem, dass sich viele Aufgaben gezielter unterstützen lassen als früher. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung in der Praxis oft anspruchsvoll. KI wird dabei immer stärker Teil konkreter Lösungen – sei es in der Automatisierung, in der Analyse oder beim Zugang zu internem Know-how.
In der Kundenbeziehung zeigt sich ein steigender Bedarf an Orientierung – und das nicht nur in Bezug auf Möglichkeiten und Grenzen , sondern auch darüber hinaus. Viele Unternehmen stellen sich aktuell die Frage: Was ist sinnvoll, was ist machbar und wo starten wir konkret? Dadurch werden wir noch stärker zum Sparringpartner auf Augenhöhe. Auch unser Leistungsversprechen entwickelt sich weiter. Es geht nicht mehr nur um die Implementierung von Systemen, sondern darum, wie KI konkret in Abläufe und Systemen eingebunden wird und Mitarbeitende und Kunden im Alltag unterstützt.
Welche innovativen KI-Anwendungen siehst du in nächster Zeit als marktreif an – und wo siehst du noch Hürden in der Praxis?
Ich glaube, viele der aktuell relevanten KI-Anwendungen sind gar nicht neu – aber sie werden jetzt erstmals wirklich nutzbar. Durch die Demokratisierung und Verfügbarkeit von Wissen, Daten und Anwendungen. Spannendes Beispiel war das von Prof. Marco Hutter, welcher am Digital Summit eindrücklich gezeigt hat, wie schnell die ETH und er mit seinen Startups gefühlt auf Augenhöhe mit Firmen wie einer Boston Dynamics kommt. Die Verfügbarkeit von KI macht viel Handarbeit überflüssig und man kann sich auf das konzentrieren, was Spass macht oder effektiven Kundennutzen bringt. Dazu gehören aber auch Anwendungen im Wissensmanagement, also der Zugriff auf internes Wissen über intelligente Assistenten, aber auch in der Datenanalyse oder im Kundenservice, wo Prozesse gezielt unterstützt oder automatisiert werden.
Gleichzeitig sehen wir erste Entwicklungen, die darüber hinausgehen – etwa in Richtung agentischer Systeme, die nicht nur unterstützen, sondern zunehmend eigenständig handeln, zum Beispiel im Bereich E-Commerce oder in der Prozessautomatisierung. Der nächste Schritt wird dann noch sein, wenn Roboter und KI vernetzt werden.
Die Hürden liegen aus meiner Sicht weniger in der Technologie selbst als in der Umsetzung. Viele Unternehmen kämpfen mit fragmentierten Daten, fehlender Struktur oder unklaren Verantwortlichkeiten. Eine Lösung kann technisch überzeugen – wenn sie aber nicht in bestehende Abläufe integriert ist oder von den Mitarbeitenden nicht angenommen wird, bleibt ihr Potenzial ungenutzt.
Ihr verbindet technologische Exzellenz mit Branchen-Know-how – was bedeutet das konkret im Kundenprojekt?
Für uns zeigt sich das vor allem darin, dass wir nicht bei der Technologie starten, sondern beim konkreten Kontext des Kunden. Das heisst: Wir analysieren genau, wie Prozesse heute funktionieren, wo Informationen liegen und wo im Alltag Reibung entsteht. Erst darauf aufbauend entscheiden wir, welche technologische Lösung sinnvoll ist.
Branchen-Know-how bedeutet für uns, diese Zusammenhänge zu verstehen – also nicht nur Systeme einzuführen, sondern zu erkennen, wie ein Unternehmen arbeitet und wo die entscheidenden Hebel liegen. Unsere Aufgabe ist es dann, diese Anforderungen so umzusetzen, dass sie sich in bestehende Abläufe einfügen und im täglichen Arbeiten einen spürbaren Unterschied und Nutzen generieren.
Was bewegt eure Kunden aktuell am meisten, wenn es um digitale Transformation geht? Wo herrscht gerade der grösste Handlungsdruck?
Viele Unternehmen stehen aktuell vor einer ähnlichen Situation: Sie haben in den letzten Jahren stark in Systeme investiert, nutzen das Potenzial aber noch zu wenig. Entsprechend sehen wir viel Handlungsdruck, wenn es darum geht, das vorhandene Potenzial in bestehenden Systemen und Daten besser zu nutzen – gerade auch im Kontext von KI. Je nach Studie, die man heranzieht, geht man davon aus, dass bis zu 97% der Daten in Unternehmen nicht richtig genutzt werden.
Gleichzeitig steigt der Druck durch Fachkräftemangel, Effizienzanforderungen und höhere Kundenerwartungen. Unternehmen müssen heute mehr leisten – oft mit den gleichen oder sogar weniger Ressourcen. Hinzu kommen internationale Unsicherheiten, die viele Transformationsvorhaben zusätzlich erschweren. Viele Grundlagen sind also vorhanden. Die eigentliche Herausforderung liegt jetzt darin, diese im Alltag wirksam zu nutzen und zu orchestrieren – mit dem Bewusstsein, dass nicht alle Faktoren beeinflussbar sind. Ein strukturiertes Risikomanagement hilft unseren Kunden dabei, Chancen und Risiken besser abzuwägen.
Wie geht ihr mit der Herausforderung um, in Kundenprojekten sowohl Technologie als auch kulturellen Wandel gleichzeitig zu gestalten?
Für uns sind das keine zwei getrennten Themen. Technologie entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie im Unternehmen verstanden und angewendet wird. Deshalb beziehen wir die Fachbereiche früh ein, arbeiten eng mit den Mitarbeitenden und setzen bewusst auf konkrete Anwendungsfälle statt auf abstrakte Konzepte. Veränderung entsteht nicht durch Programme, sondern dann, wenn Mitarbeitende merken, dass sich ihre Arbeit tatsächlich verbessert. Unsere Aufgabe ist es, genau diese Verbindung herzustellen – zwischen technologischer Lösung und gelebter Praxis im Unternehmen.
Du hast dich seit jeher auch der Entwicklung von Mitarbeitenden verschrieben – wie gelingt es dir, Teams für digitale Veränderungen zu begeistern und mitzunehmen?
Unsere Mitarbeitenden bringen von sich aus eine hohe Affinität für digitale Themen mit – das gehört zu unserem Umfeld dazu. Die Herausforderung liegt deshalb weniger darin, Begeisterung zu schaffen, sondern sie zu fokussieren und in konkrete Anwendungen zu übersetzen. Entscheidend ist für mich, den Nutzen im Alltag sichtbar zu machen. Auch in sehr affinen Teams entsteht echte Dynamik erst dann, wenn klar ist, was sich im täglichen Arbeiten verbessert. Als Management verstehen wir uns auch in der Rolle der Plattformgeber, welche Entwicklung und Entfaltung ermöglichen. Und am Ende geht es um Orientierung: Prioritäten setzen und den Rahmen schaffen, in dem Mitarbeitende Verantwortung übernehmen können.
Welche Führungsprinzipien haben sich für dich persönlich in einem sich ständig wandelnden Markt als besonders wertvoll erwiesen?
Für mich sind dabei drei Elemente zentral: Klarheit, Vertrauen und Verantwortung. Klarheit in der Ausrichtung – damit alle wissen, wohin wir wollen und warum. Gerade in einem dynamischen Umfeld ist Orientierung entscheidend. Vertrauen in die Teams – weil die besten Lösungen selten top-down entstehen. Unsere Aufgabe als Führung ist es, den Rahmen zu geben und nicht alles vorzugeben. Und Verantwortung – auf beiden Seiten. Entscheidungen müssen getroffen werden, und man muss bereit sein, daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
Du bist nicht nur Präsident von <IT>rockt!, sondern auch Boardmitglied von digital-liechtenstein.li – engagierst dich also aktiv in zwei starken Netzwerkorganisationen. Welche Bedeutung hat für dich der Austausch über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg und wie profitieren sowohl valantic als auch die digitale Entwicklung in der Region davon?
Gerade Liechtenstein und die Schweiz verbindet sehr viel – die Grenze existiert, wenn überhaupt, nur im Kopf als in der Realität. Der Austausch, die Vernetzung, die Offenheit und das gegenseitige Vertrauen sind entsprechend stark ausgeprägt. In diesen Rollen ist es mir wichtig, der Region auch etwas zurückzugeben und dort einen Beitrag zu leisten, wo ich kann. Gleichzeitig profitiere ich selbst von diesem Netzwerk, weil ich dadurch nah an den Menschen und den konkreten Herausforderungen der Unternehmen bleibe.
In einem so dynamischen Umfeld wie der Digitalisierung ist der Austausch über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg entscheidend. Viele Herausforderungen sind nicht einzigartig – und genau darin liegt die Chance, voneinander zu lernen. Für valantic bedeutet das, nah an Entwicklungen, Trends und auch an den konkreten Bedürfnissen der Unternehmen in der Region zu bleiben. Und für die Region selbst stärkt dieser Austausch das gesamte Ökosystem – weil Wissen geteilt wird, Kooperationen entstehen und Themen gemeinsam vorangetrieben werden.
Reto, vielen Dank für das Gespräch!