
Digitale Zusammenarbeit und Künstliche Intelligenz verändern den Arbeitsalltag in Unternehmen grundlegend. Im November starten an der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz die beiden Studiengänge «Digital Collaboration Specialist mit eidg. FA» und «AI Business Specialist mit eidg. FA». Sie richten sich an Berufsleute, die digitale Tools, KI-Anwendungen und Transformationsprozesse nicht nur verstehen, sondern aktiv und praxisnah in ihrem Arbeitsumfeld umsetzen möchten. Erfahre mehr im Interview mit Marco Boss, Schulleiter Technik & Informatik an der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz, einem Mitglied von digital-liechtenstein.li.
Marco Boss ist Schulleiter Technik & Informatik an der ibW und Boardmitglied von digital-liechtenstein.li. Er verfügt über langjährige Industrieerfahrung in Konstruktion, Produktentwicklung und technischen Führungsfunktionen. Als Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur mit Weiterbildung zum Executive MBA verbindet er technisches Verständnis mit betriebswirtschaftlicher Perspektive. Seit über zehn Jahren engagiert er sich zudem als Dozent und Ausbilder mit eidgenössischem Fachausweis in der Höheren Berufsbildung.
Thomas Leemann ist Fachvorsteher Informatik BP/HFP an der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz. Er ist Eidg. Dipl. Informatiker und hat das Lehrdiplom der PH Zürich erworben. Seit 1999 ist er mit der Welt der Berufsprüfungen (eidg. Fachausweis) und der höheren Fachprüfung (eidg. Diplom) vertraut und begleitet seither die Entwicklung der Höheren Berufsbildung im Bereich Informatik und Digitalisierung mit. In dieser Zeit hat er über 900 Praxis- und Diplomabschlussarbeiten begleitet.
Marco, Thomas, im November starten an der ibW die beiden Studiengänge «Digital Collaboration Specialist mit eidg. FA» und «AI Business Specialist mit eidg. FA». Warum kommen diese Angebote aus eurer Sicht genau zum richtigen Zeitpunkt?
Marco: KI und digitale Zusammenarbeit sind in aller Munde. Unternehmen wie auch Mitarbeitende wollen den Anschluss nicht verlieren. Entscheidend ist für mich, dass man das Thema nicht einfach spontan angeht, sondern mit einer klaren Strategie. Wir befähigen unsere Studierenden, Chancen und Risiken nüchtern einzuschätzen und professionell vorzugehen. Dank der Praxisnähe der eidgenössischen Fachausweise können sie das Gelernte sehr schnell im Alltag anwenden. Davon profitieren Unternehmen und Mitarbeitende unmittelbar.
Thomas: Ich würde sogar sagen, der Zeitpunkt ist überfällig. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren schneller verändert als in den zehn Jahren davor. Generative KI ist aus dem Alltag vieler Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Und gleichzeitig stellen viele Betriebe fest, dass ihre Mitarbeitenden zwar von Tools wie Copilot oder ChatGPT gehört haben, aber nicht wissen, wie sie diese sinnvoll und verantwortungsbewusst einsetzen sollen. Dasselbe gilt für digitale Zusammenarbeit: Hybride Teams, asynchrone Kommunikation, digitale Projektsteuerung. Das klingt selbstverständlich, ist in der Praxis aber oft noch sehr lückenhaft umgesetzt. Beide Studiengänge greifen genau dort an, wo der Schmerz am grössten ist: nicht bei der Technologie selbst, sondern bei den Menschen, die sie im Berufsalltag nutzen und gestalten müssen.
Viele Unternehmen nutzen bereits digitale Tools und beschäftigen sich intensiv mit KI. Wo seht ihr aktuell den grössten Kompetenzbedarf in Unternehmen?
Marco: Viele beschäftigen sich damit, das stimmt. Aber häufig bleibt es beim Nutzen des Chatbots und beim Durchführen von Online-Meetings. KI-Agenten sind weit mehr als Diskussionspartner, sie übernehmen Arbeit. Und Online-Meetings durchführen ist noch keine digitale Zusammenarbeit. Das braucht klare Rahmenbedingungen und Spielregeln im Unternehmen, und die kann man nicht einfach kopieren. Diese Grundlagen muss jedes Unternehmen für sich selbst aufbauen.
Thomas: Der grösste Bedarf liegt nicht bei technischen Grundkenntnissen, die sind oft vorhanden. Das eigentliche Problem ist das fehlende Transferwissen. Wie erkenne ich, welche Prozesse in meinem Unternehmen wirklich für den KI-Einsatz geeignet sind? Wie bewerte ich den Nutzen realistisch, ohne in Euphorie oder Ablehnung zu verfallen? Und dazu kommt das Thema Urteilsvermögen. KI produziert schnell und überzeugend klingende Ergebnisse. Wer nicht weiss, wo die Grenzen eines Sprachmodells liegen, kann Fehler schlicht nicht erkennen. Das unterschätzen viele.
Der Studiengang «Digital Collaboration Specialist mit eidg. FA» richtet sich besonders an Personen mit kaufmännischem oder betriebswirtschaftlichem Hintergrund. Warum kann gerade diese Zielgruppe eine wichtige Rolle in der digitalen Transformation übernehmen?
Marco: KI und Digitalisierung sind keine exklusiven Themen für Techniker und Informatiker. KI verändert unser aller Arbeitsalltag, insbesondere den Büroalltag. Gleichzeitig wird der Einsatz von KI zu einem betriebswirtschaftlich relevanten Thema, weil er auch Kosten verursacht. Es braucht Menschen, die verstehen, für welche Aufgaben welche KI-Modelle sinnvoll sind und wie man diese gezielt einsetzt. Vereinfacht gesagt: Für einfache Aufgaben braucht es keine „High-End-KI“. Genauso wie ich keine Spitzenjuristin anstelle, nur um meine Rechtschreibung zu korrigieren. Diese Steuerung und Einordnung sehe ich sehr gut bei Personen mit kaufmännischem oder betriebswirtschaftlichem Hintergrund. Sie kennen die Prozesse, die Zahlen und die Bedürfnisse der internen Kundschaft und übernehmen so eine wichtige Rolle in der digitalen Transformation.
Thomas: Transformation gelingt nicht von der IT-Abteilung allein. Sie gelingt nur, wenn die Menschen in den Fachabteilungen mitgestalten. Kaufmännische Fachleute kennen die Prozesse, die Kunden, die Schnittstellen in einem Unternehmen. Sie wissen, wo Ineffizienzen entstehen und wo echte Verbesserungen spürbar werden. Was ihnen häufig fehlt, ist das digitale Handwerkszeug, um ihre Ideen auch umzusetzen. Der «Digital Collaboration Specialist» schliesst genau diese Lücke. Er befähigt Menschen, die keine Techniker sind, aktiv an der Gestaltung digitaler Arbeitsweisen mitzuwirken: als Multiplikatoren in ihren Teams, als kritische Gesprächspartner für IT-Projekte, als treibende Kräfte im Wandel.
Beim «AI Business Specialist mit eidg. FA» steht der professionelle Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Zentrum. Welche Kompetenzen braucht es, damit KI in Unternehmen nicht nur ausprobiert, sondern sinnvoll eingesetzt wird?
Marco: Es braucht auf jeden Fall Führungskompetenz und Projektmanagement-Skills. KI soll nicht einfach als Spielwiese dienen, auf der man alles Erdenkliche ausprobiert. Die Lösungen müssen zu den Zielen des Unternehmens und zu den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden passen. Daneben braucht es ein gutes Verständnis für Prozesse und Daten sowie die Fähigkeit, mit ganz unterschiedlichen Personen im Unternehmen zu kommunizieren. Am Ende geht es darum, Ressourcen so einzusetzen, dass sie möglichst viel Wirkung entfalten.
Thomas: Ich würde drei Dinge nennen, die ich für entscheidend halte. Erstens das Verständnis für Potenzial und Grenzen. Wer weiss, wie KI-Systeme trainiert werden und warum sie manchmal falsch liegen, geht souveräner damit um. Zweitens die Fähigkeit zur Kontextualisierung, also die Frage: Passt dieser Einsatz zu unserem Unternehmen, unserer Branche, unseren Daten? Und drittens der verantwortungsvolle Umgang: Datenschutz, Transparenz, Bias, regulatorische Anforderungen. KI, die niemand versteht oder der niemand vertraut, wird nicht genutzt. Oder schlimmer: wird genutzt, ohne dass jemand die Risiken sieht. Der AI Business Specialist ist ausgebildet, all das zusammenzuführen: eine KI-Einsatzmöglichkeit identifizieren, prüfen, begründen und als Entscheidungsgrundlage aufbereiten. Das ist eine Kompetenz, die heute in vielen Unternehmen noch fehlt.
Beide Studiengänge bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Business, Technologie und praktischer Umsetzung. Warum ist diese Brückenfunktion heute so entscheidend?
Marco: Die Technologie entwickelt sich rasant weiter. Weiterbildung hilft, fachlich am Ball zu bleiben. Erfolg entsteht aber nicht allein dadurch, dass man neue Technologien einführt. Entscheidend ist, dass die Technologie im Alltag wirklich etwas bringt und die Arbeit im Unternehmen spürbar verbessert. Genau hier braucht es Menschen, die beide Welten verstehen: die Sprache der Technik und die Sprache des Business.
Thomas: Das kann ich aus der Praxis nur bestätigen. In über 900 betreuten Praxis- und Diplomarbeiten habe ich gesehen, dass Projekte selten an der Technologie scheitern. Sie scheitern an mangelhafter Kommunikation, fehlender Akzeptanz oder nicht durchdachten Prozessen. Wer nur auf der technischen Seite steht, sieht das oft nicht. Wer nur auf der betriebswirtschaftlichen Seite steht, kann die technischen Möglichkeiten nicht einschätzen. Diese Brückenfunktion ist heute keine nette Zusatzqualifikation mehr, sondern eine Kernkompetenz. Genau das bilden wir an der ibW aus.
Wenn wir über Future Skills sprechen: Welche Fähigkeiten werden in den nächsten Jahren besonders wichtig, um in einer digitalen und KI-geprägten Arbeitswelt erfolgreich zu bleiben?
Marco: Neben digitalen Grundfähigkeiten und einer Bereitschaft zur stetigen Veränderung werden es die sogenannten 4K sein: kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation und Kreativität. In diesen Bereichen werden wir der KI noch länger etwas voraushaben. Und dazu kommt für mich eine grundsätzliche Lernbereitschaft, also die Fähigkeit, sich immer wieder Neues anzueignen und mit Veränderungen umzugehen.
Thomas: Lernbereitschaft steht für mich ganz oben, und zwar nicht als einmalige Sache, sondern als Dauerzustand. Wer aufhört zu lernen, verliert in der Digitalisierung sehr schnell den Anschluss. Kritisches Denken kommt direkt danach, gerade im Umgang mit KI-generierten Inhalten. Nicht alles, was überzeugend klingt, ist korrekt. Und dann ist da noch etwas, das ich «Einordnungskompetenz» nenne: zu wissen, was eine Technologie kann, was sie nicht kann, und was das für den eigenen Arbeitsbereich bedeutet. Das ist kein technisches Wissen, sondern ein reflexives Urteilsvermögen. Gerade im Umgang mit KI-generierten Inhalten wird das immer wichtiger.
Eine persönliche Frage zum Schluss: Wie lernt ihr selbst, wenn sich Technologien, Tools und Anforderungen so schnell verändern, und was würdet ihr Menschen mitgeben, die sich im Bereich Digitalisierung oder KI weiterentwickeln möchten?
Marco: Nach der Schaffung einer soliden Kompetenzbasis sind es vor allem kleinere Formate, die der Veränderungsgeschwindigkeit Rechnung tragen. Für mich wichtig ist auch der Austausch mit Gleichgesinnten, die ähnliche Aufgaben zu bewältigen haben. Lernen ist für mich immer ein sozialer Prozess und dieser gelingt im Klassenverbund am besten.
Thomas: Ich lerne am meisten durch Ausprobieren und durch den Austausch mit Menschen, die anders denken als ich. Wenn ein neues Tool auftaucht, setze ich mich damit auseinander. Nicht um Experte zu werden, sondern um zu verstehen, worum es geht und was es für meine Arbeit und die meiner Studierenden bedeutet. Diese Neugierde ist für mich keine berufliche Pflicht, sondern echtes Interesse. Was ich anderen mitgeben würde: Setzt euch mit KI auseinander, bevor ihr euch eine Meinung bildet. Probiert aus, scheitert, lernt daraus. Und sucht euch Lerngemeinschaften, also Menschen, mit denen ihr Erfahrungen teilen könnt. Digitale Kompetenzen entstehen selten im Alleingang. Und noch etwas: Vergesst dabei nie den menschlichen Faktor. KI kann vieles automatisieren, aber Empathie, Vertrauen und echtes Verständnis füreinander nicht. Das wird auch in Zukunft unser grösster Vorteil bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Digital Collaboration Specialist und AI Business Specialist mit eidg. FA
Digitale Zusammenarbeit professionell gestalten oder KI gezielt im Unternehmen einsetzen: Die ibW bereitet dich auf zwei gefragte eidgenössische Fachausweise vor. Beide Lehrgänge finden online mit wenigen Präsenztagen statt und schliessen mit einem eidg. Fachausweis ab, der neu auch den Titelzusatz «Professional Bachelor» trägt. < Mehr erfahren