
Was geschieht mit der Arbeit, wenn Roboter tasten und denken lernen? VP-Bank-CIO Felix Brill berichtet im Interview mit Wirtschaft regional über die unberechenbare Dynamik der künstlichen Intelligenz und das Ende alter Gewissheiten.
Interview: Corina Vogt-Beck, wirtschaft regional
Während Ökonomen noch über den tatsächlichen Milliardenwert von KI streiten, überrollt die Technologie den Alltag und bestimmt Gespräche und Fachdiskussionen. Auch die neue Ausgabe des Investmentmagazins «Teleskop» der VP Bank stellt die physische KI in den Fokus. Im Interview spricht Felix Brill, CIO der VP Bank, über die wirtschaftlichen Folgen der Automatisierungswelle. Er erklärt, warum Gelassenheit derzeit die beste Reaktion ist, dass die Berufslehre zum echten Trumpf werden könnte und weshalb der technologische Fortschritt ohne soziale Absicherung zu einer Zerreissprobe werden könnte.
Herr Brill, Sie sagen, dass die Entwicklung der KI eine noch nie dagewesene Geschwindigkeit hat und dadurch eine enorme Anpassungsleistung der Unternehmen erfordert. Was müssen Unternehmen besonders beachten, damit sie nicht abgehängt werden?
Felix Brill: Sie müssen vor allem begreifen, dass sich das Spiel verändert hat. Und zwar schnell. Früher musste man eine neue Technologie ja erst bauen und installieren – Maschinen in die Fabrik stellen, Glasfaser in den Boden legen, das hat Jahre gedauert. KI ist sofort da. Wenn ein Anwalts büro heute beschliesst, die Recherche einem KI-Agenten zu überlassen, dann läuft das übermorgen. Auf der anderen Seite halte ich nichts von blindem Aktionismus. Man muss nicht jede Woche das neueste Modell ausprobieren. Jedes Unternehmen sollte schauen, wo es im eigenen Geschäft klemmt – und ob KI da hilft oder ob sie einfach nur ein teures Versprechen ist.
Bei früheren industriellen Umbrüchen wanderten die Jobs einfach weiter – vom Bauernhof in die Fabrik, dann ins Büro. Heute ist unklar, wohin die Arbeit wandern soll. Was ist Ihre Prognose, wie wird die Arbeitswelt in zehn Jahren aussehen?
Ehrlich gesagt: Das weiss niemand. Und wer etwas anderes erzählt, will Ihnen etwas verkaufen. Das ist ja gerade das Neue. Um 1900 konnte sich ein Bauer ausrechnen, dass seine Söhne mal in die Stadt ziehen. 1970 sah der Arbeiter in der Fabrik die Bürotürme hochwachsen. Man sah, wohin die Reise geht. Heute weiss man es eben nicht – weder wann noch wohin. Ich vermute, dass viele Tätigkeiten nicht ganz verschwinden, sondern sich der Inhalt verändert. Der Mensch macht dann nicht mehr alles selbst, sondern lässt KI oder eben Roboter arbeiten. Er schaut zu, kontrolliert, greift ein, wenn etwas schiefläuft. Es wird neue Berufsbilder geben, so viel ist sicher.
Werden wir künftig mehr Freizeit haben, oder profitieren die Technologie-Eigentümer ganz einfach von grösseren Profiten?
Das ist für mich eine ganz wichtige Frage, denn im Kern geht es dabei um eine Verteilungsfrage. Der Ökonom John Maynard Keynes hatte 1930 prophezeit, seine Enkel müssten dank der Fortschritte bei der Produkti vität nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten. Wir arbeiten heute weniger als damals, das schon. Aber im Vergleich zu dieser Vorhersage immer noch zu viel. KI könnte das jetzt beschleunigen. Und dann stellt sich eben die Frage, wer den Gewinn einstreicht. Die Beschäftigten in Form von mehr Freizeit bei gleichem Lohn? Oder die Eigentümer in Form von mehr Rendite? Das entscheidet keine Technologie. Das entscheiden wir als Gesellschaft.
Körperliche Berufe galten lange als sicheres Auffangbecken für jene, die durch digitale KI aus den Büros verdrängt wurden. Mit der Robotik fällt auch dieses Territorium zunehmend weg. Wie sollen Arbeitnehmende darauf reagieren?
Gelassen, aber nicht passiv. Wer vor zehn Jahren behauptet hat, physische Arbeit sei vor Maschinen sicher, der hat unterschätzt, wie schnell die Robotik aufholt. Trotzdem sind wir noch nicht so weit. So eine Roboterhand ist von einer menschlichen meilenweit entfernt. Das Tastgefühl fehlt, das Improvisieren, wenn mal eine Schraube klemmt – damit tun sich die Maschinen schwer. Mein Rat wäre: Setzen Sie auf das, was die Maschine nicht kann. Den gesunden Menschenverstand, das Reagieren auf Unerwartetes, den Kontakt von Mensch zu Mensch. Und man muss bereit sein, immer wieder Neues zu lernen. Ich weiss, das sagt sich leicht. Aber es war noch nie so wichtig.
Wenn künftig weniger Menschen gebraucht werden, um die gleiche Menge an Arbeit zu erledigen: Wird es Phasen von grosser Arbeitslosigkeit geben?
Ausschliessen kann ich das nicht. Aber zwei Dinge beruhigen mich ein Stück weit. Un sere Bevölkerung wird älter und kleiner, in vielen Branchen fehlen die Leute ja schon heute – da stopft die physische KI auch Löcher, statt nur welche zu reissen. Und der Wandel kommt meistens nicht als Knall, sondern schleichend. Wobei mir das Tempo aktuell durchaus Kopfzerbrechen bereitet. Wenn die Veränderung schneller läuft, als die Men schen mitkommen, dann gibt es Frust. Und das hatte historisch fast immer auch politische Folgen.
Wenn massenhaft Jobs durch KI wegfallen, bricht die Kaufkraft weg. Unternehmen könnten darauf paradoxerweise mit noch mehr KI-Einsatz reagieren, um Kosten zu senken. Besteht die Gefahr einer durch KI ausgelösten Rezession, und wie lässt sich diese Abwärtsspirale verhindern?
Das ist kein abwegiger Gedanke. Für mich ist das ein mögliches Szenario, keine Prognose. Aber es führt vor Augen, wo der alte Trost «jede neue Technologie schafft auch neue Jobs» eben nicht zwangsläufig greift. Da kommt man nur raus, wenn die Gewinne breit ankommen. Eine Wirtschaft, in der eine Handvoll Firmen kassiert und der Rest als Kundschaft ausfällt, sägt am eigenen Ast.
Wie sehen Sie die Rolle der Staaten in diesem Szenario?
Sie sind ganz wichtig. Nicht als jemand, der den Fortschritt bremst oder selbst treibt, sondern als jemand, der den Übergang gestaltet. Denken Sie an die Industrialisierung: Sie hat Wohlstand gebracht, ja, aber gleichzeitig Kinderarbeit und Elendsviertel. Eine Technologie kann der Wirtschaft insgesamt nützen und trotzdem ein soziales Gefüge zerlegen. Was am Ende den Unterschied macht, ist das, was drumherum steht – Bildung, soziale Absicherung, Rahmenbedingungen eben.
Wer steht in der Pflicht, um die Menschen auf diese neuen Rollen vorzubereiten: Muss der Staat die Lehrpläne anpassen, oder ist dieses «Umlernen» die Verantwortung der Unternehmen?
Da sind beide gefragt. Der Staat legt das Fundament. Wer heute in die Schule geht, sollte verstehen, wie das alles funktioniert, und gleichzeitig das üben, was man nicht kann. Die Unternehmen wiederum spüren als Erste, welche Fähigkeiten ihnen morgen fehlen. Wir haben da übrigens einen echten Trumpf, nämlich die Berufslehre. Dieses Nebeneinander von Schule und Betrieb passt perfekt in eine Welt, in der man ohnehin ständig dazulernen muss. Das sollten wir nicht für selbstverständlich halten.
Über den tatsächlichen ökonomischen Wert der KI herrscht Uneinigkeit. Während Unternehmensberater globale Wertschöpfungen von bis zu 4,4 Billionen Dollar pro Jahr schätzen, gehen einige Akademiker von einem sehr viel geringeren Wert aus. Was ist Ihre Schätzung?
Da halte ich mich bewusst zurück. Schauen Sie sich nur die Spannweite der Schätzungen an. Das KI-Unternehmen Anthropic geht zum Beispiel davon aus, dass die heutigen Modelle die US-Produktivität um etwa 1,8 Prozent pro Jahr heben könnten. Daron Acemoglu dagegen, immerhin Wirtschaftsnobelpreisträger, kommt auf höchstens 0,7 Prozent – und das über zehn Jahre, nicht pro Jahr. Beide reden über dieselbe Sache, und trotzdem liegt fast das Zwanzigfache dazwischen. Allein das sollte einen demütig machen. Dazu kommt, dass sich der Nutzen von Innovation meist verzögert zeigt. Robert Solow, auch ein bekannter Ökonom, hat 1987 gespottet, man sehe das Computerzeitalter überall – nur nicht in der Produktivitätsstatistik. Es hat dann zwanzig Jahre gedauert, bis die Wirkung sichtbar wurde. Bei der KI mag das schneller, aber vom Prinzip her vermutlich ähnlich laufen. Für mich ist gar nicht so wichtig, wie viel die KI verspricht. Wichtig ist, ob sie wirklich etwas Grundlegendes umwälzt oder ob sie am Ende nur eine sehr gute Optimierung ist.