
Die meisten Unternehmen haben KI getestet. Die offene Frage ist nicht mehr, ob die Technologie funktioniert – sondern warum so wenige Unternehmen es schaffen, daraus echten Geschäftsnutzen zu ziehen. Im Vorfeld unseres Webinars am 16. Juni sprechen wir mit Julia Saswito von valantic darüber, woran Skalierung in der Praxis scheitert und was Vorreiter heute anders machen.
Viele Unternehmen haben Dutzende KI-Piloten – aber kaum einer skaliert. Woran erkennen Sie früh, ob ein Unternehmen den Sprung schafft?
Julia Saswito: Die Skalierung scheitert selten am Tool. Wir achten auf drei Punkte: Versteht die Geschäftsführung KI als strategische Frage oder hat sie still delegiert? Gibt es jemanden mit Mandat, Use Cases auch wieder zu beenden? Und arbeiten Fachbereiche, IT und Daten tatsächlich zusammen oder noch im Organigramm? Wer alle drei erfüllt, kommt durch. Aber ehrlich gesagt: Die meisten Unternehmen erfüllen keinen davon konsequent.
Die meisten KI-Projekte zielen heute auf Effizienz – schneller, günstiger. Reicht das, um in fünf Jahren noch wettbewerbsfähig zu sein?
Julia Saswito: Effizienz ist die einfachste Frucht – aber sie verändert kein Geschäftsmodell. Wer KI nur in bestehende Prozesse einsetzt, wird schneller, nicht relevanter. Die spannenden Fälle entstehen, wenn Unternehmen aufhören zu fragen, wie eine Aufgabe besser geht – und beginnen zu prüfen, ob es die Aufgabe in dieser Form überhaupt noch braucht. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Optimierung und echter Transformation.
KI-Governance gilt vielen als Innovationsbremse. Sie argumentieren das Gegenteil – warum?
Julia Saswito: Die unbequeme Wahrheit ist: Governance bremst tatsächlich – wenn sie als Verbotsapparat konstruiert wird. Dann ist sie genau das, was die Kritiker sagen. Aber das ist ja eine Wahl, keine Notwendigkeit.
In den Unternehmen, die heute Tempo machen, schafft Governance Klarheit: wer welche Verantwortung trägt, welche Daten wirklich relevant sind, welche Use Cases Priorität haben und wie die Lern- und Veränderungsprozesse gestaltet werden, die jede KI-Transformation braucht. . Und genau diese Klarheit beschleunigt Entscheidungen.
Was ich außerdem sagen muss: Wer heute keine Governance hat, bezahlt den Preis nicht sofort. Er bezahlt ihn, wenn Regulierung ihn einholt, wenn ein Datenschutzvorfall eskaliert oder wenn die ersten Agenten Entscheidungen treffen, für die niemand Verantwortung übernehmen kann. Governance ist kein Bremsmechanismus. Sie ist die Infrastruktur, auf der Skalierung erst möglich wird.
Wenn KI Entscheidungen vorbereitet – wie verändert sich die Rolle von Führungskräften?
Julia Saswito: Was sich wirklich verändert: Führungskräfte müssen früher eingreifen, nicht später. Strategische Leitlinien und Rahmenbedingungen müssen gesetzt sein, bevor KI in ihnen handelt und nicht nachträglich korrigiert werden, wenn Agenten bereits Entscheidungen getroffen haben. Das erfordert ein noch tieferes Verständnis der eigenen Prozesse und Wertvorstellungen als bisher. Wer das nicht mitbringt, kann nicht sinnvoll steuern.
Die naive Antwort, die man häufig hört: Führungskräfte werden entlastet und konzentrieren sich auf das Wesentliche. Die ehrliche Antwort: Das stimmt nur, wenn das Unternehmen aktiv dafür sorgt.
Für Mitarbeitende bedeutet das auch: Sie brauchen Klarheit: Was entscheidet die KI (und wieso), was entscheide ich, und was eskaliere ich? Führung muss das eindeutig beantworten können.
Kreativität, Empathie, Urteilsvermögen – das klingt menschlich beruhigend. Was ist die unbequeme Seite dieser Botschaft?
Julia Saswito: Die unbequeme Seite ist, dass diese Fähigkeiten nicht einfach erhalten bleiben, nur weil man sie für wertvoll hält. Sie erodieren, wenn man sie nicht aktiv schützt. Das merkt niemand sofort. Es zeigt sich erst, wenn eine Entscheidung gefragt ist, die kein Modell treffen kann und plötzlich niemand mehr im Raum sitzt, der sie wirklich treffen will. Zwei Drittel der Entscheider in unserer Studie sehen genau dieses Risiko.
Deshalb ist Enablement in unserem Governance-Modell eine eigenständige Säule, keine Fußnote. Es reicht nicht, KI einzuführen und Schulungen anzubieten. Unternehmen müssen aktiv entscheiden, in welchen Kontexten Menschen weiterhin denken, urteilen und verantworten und diese Kontexte bewusst gestalten.
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