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Interview

«Man kann IT auslagern, aber nicht die Verantwortung für die Risiken und Entscheidungen dahinter»

Tobias Menzi ist Geschäftsleiter der MTF Solutions AG für die Region Liechtenstein, St. Gallen und Graubünden sowie Boardmitglied von digital-liechtenstein.li. Der Ingenieur und frühere Unternehmer verbindet technisches Verständnis mit Führungserfahrung und einer ausgeprägten Hands-on-Mentalität. Im Interview spricht er über die wachsende Bedeutung von Cybersicherheit, den Cybersecurity Talk Liechtenstein vom 15. September 2026 in Ruggell und darüber, was Unternehmen vom Spitzensport lernen können. Cybersecurity ist ein zentrales Handlungsfeld der Digitalen Roadmap und ein wichtiger Bestandteil der Wissens- und Vernetzungsaktivitäten von digital-liechtenstein.li.

Cybersicherheit wird häufig noch immer primär als Aufgabe der IT-Abteilung betrachtet. Weshalb ist sie heute vor allem eine Führungs- und Managementaufgabe?
Tobias Menzi: Natürlich braucht es für Cybersicherheit eine starke IT. Aber ein Cyberangriff betrifft heute nicht nur Systeme. Er kann den Betrieb lahmlegen, Kundendaten betreffen, regulatorische Folgen auslösen und das Vertrauen in ein Unternehmen beschädigen. Das sind Themen, die direkt auf den Tisch der Geschäftsleitung gehören.
Dazu kommt: Cybersecurity ist Teil der unternehmerischen Sorgfaltspflicht. Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte müssen aufzeigen können, dass Risiken erkannt, angemessene Massnahmen geprüft und organisatorisch verankert wurden. Wer das nicht tut, riskiert im Ernstfall nicht nur den Schaden durch den Angriff selbst – sondern auch die persönliche Haftung. Man kann IT auslagern, aber nicht die Verantwortung für die Risiken und Entscheidungen dahinter.

Cybersecurity ist eine strategische Managementaufgabe und kann daher nicht vollständig an die IT oder externe Partner delegiert werden. Für mich als Geschäftsführer ist es essenziell, die kritischsten Risiken zu kennen, die Priorisierung der Sicherheitsmassnahmen zu steuern und die operative Handlungsfähigkeit im Krisenfall sicherzustellen.

Gerade KMU gehen teilweise davon aus, für professionelle Cyberkriminelle nicht interessant genug zu sein. Wie realistisch ist diese Einschätzung und wo siehst du aktuell die grössten Risiken für Unternehmen in Liechtenstein und der Region?
Diese Einschätzung höre ich immer noch oft, aber sie ist gefährlich. Viele Angriffe laufen heute automatisiert. Cyberkriminelle suchen primär nach Schwachstellen, schlecht geschützten Zugängen oder fehlenden Sicherheitsprozessen. Ob ein Unternehmen 10 oder 5’000 Mitarbeitende hat, spielt dabei zuerst gar keine Rolle.

KMU stellen attraktive Angriffsziele dar. Sie verwalten wertvolle Datenbestände, fungieren als kritische Knotenpunkte in komplexen Lieferketten und weisen eine hohe Abhängigkeit von ihrer IT-Infrastruktur auf. Gleichzeitig sind die Ressourcen für Cybersecurity begrenzt.

In Liechtenstein und der Region sehen wir zwar die typischen technischen Defizite wie fehlende MFA oder Legacy-Systeme, doch das grösste Risiko ist die subjektive Wahrnehmung. Die Annahme, nicht im Visier von Angreifern zu stehen, führt zu einer gefährlichen Passivität, wodurch kritische Sicherheitsmassnahmen systematisch aufgeschoben werden.

Weshalb organisiert MTF den Cybersecurity Talk Liechtenstein und warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen solchen Anlass?
Wir organisieren den Anlass, weil wir in unserer täglichen Arbeit sehen, wie stark das Thema Unternehmen beschäftigt. Viele Geschäftsleitungen wissen, dass Cyberrisiken relevant sind. Gleichzeitig ist es oft schwierig, die richtigen Prioritäten zu setzen: Wo stehen wir heute? Was ist wirklich dringend? Welche Massnahmen bringen konkret etwas? Und wie bereiten wir uns auf den Ernstfall vor?

Angesichts der zunehmenden Professionalisierung der Cyberkriminalität ist jetzt der entscheidende Zeitpunkt für präventive Massnahmen. Durch Automatisierung und KI steigen die Effizienz und Schlagkraft der Angriffe kontinuierlich. Parallel dazu erhöhen regulatorische Vorgaben sowie die steigenden Anforderungen von Kunden, Partnern und Versicherungen den Druck auf eine nachweisbare Cybersicherheit.

Mit dem Cybersecurity Talk möchten wir nicht Angst machen, sondern Orientierung geben. Wir bringen verschiedene Perspektiven zusammen: moderne Cyberkriminalität, Erfahrung aus einem realen Ransomware-Vorfall, aktive Verteidigung und mit Marco Büchel eine Perspektive auf Risikomanagement, die ich persönlich sehr wertvoll finde. Weil sie zeigt, dass Führung unter Druck lernbar ist.

Der Cybersecurity Talk am 15. September verbindet Einblicke in moderne Cyberkriminalität, Erfahrungen aus einem realen Ransomware-Angriff und konkrete Ansätze zur aktiven Verteidigung. Welche Erkenntnis sollen die Teilnehmenden unbedingt mit nach Hause nehmen?
Die wichtigste Erkenntnis ist für mich: Vorbereitung macht den Unterschied. Ein Cybervorfall lässt sich nie zu hundert Prozent ausschliessen. Aber Unternehmen können viel dafür tun, dass ein Angriff früh erkannt wird, der Schaden begrenzt bleibt und die Organisation handlungsfähig bleibt.

Dazu braucht es klare Verantwortlichkeiten, geübte Abläufe, saubere Backups, Transparenz über die eigene IT und kontinuierliche Überwachung. Cybersecurity ist kein einmaliges Projekt, sondern eine laufende Aufgabe.

Gerade KMU müssen das nicht alles selbst aufbauen. Sie profitieren von Partnern mit spezifischem Security-Know-how, Erfahrung aus vielen IT-Umgebungen und einem Blick für Muster, die ein einzelnes Unternehmen intern oft nicht sieht. Wenn die Teilnehmenden mit der Frage zurückgehen: «Sind wir wirklich vorbereitet und haben wir die richtigen Partner an unserer Seite?» dann haben wir viel erreicht.

Mit Marco Büchel ist auch eine Liechtensteiner Skilegende dabei. Was können Führungskräfte aus dem Spitzensport über kalkulierbares Risiko, Vorbereitung und Entscheidungen unter Druck lernen?
Marco Büchel ist ein spannender Teil des Abends, weil er Risiko aus einer ganz anderen Welt betrachtet. Wer auf der Streif startet, kann das Risiko nicht wegdiskutieren. Es ist da. Entscheidend ist, wie man sich vorbereitet, wie man die Lage einschätzt und wie man im entscheidenden Moment fokussiert bleibt.

Das lässt sich sehr gut auf Unternehmen übertragen. Auch Cyberrisiken verschwinden nicht, nur weil man sie nicht sehen möchte. Führung bedeutet, Risiken realistisch einzuschätzen, sich vorzubereiten und unter Druck handlungsfähig zu bleiben.

Sein Credo «kalkulierbares Risiko» bringt es auf den Punkt. Nicht jedes Risiko ist vermeidbar. Aber es muss bewusst, vorbereitet und kalkulierbar eingegangen werden. Das gilt auf der Streif genauso wie im Umgang mit Cyberbedrohungen.

Du hast selbst ein Unternehmen gegründet, geführt und später verkauft. Gab es in deiner beruflichen Laufbahn eine Situation, in der du unter grossem Druck eine Entscheidung mit unvollständigen Informationen treffen musstest und was hast du daraus gelernt?
In meiner Laufbahn gab es nicht nur eine, sondern mehrere solcher Situationen. Dabei habe ich ein analytisches und methodisches Vorgehen entwickelt, um auch unter extremem Druck präzise Entscheidungen zu treffen. Ich analysiere dabei systematisch: Was ist die eigentliche Quelle des Drucks? Was ist der Kern der Entscheidung? Warum ist eine sofortige Entscheidung zwingend erforderlich? Und vor allem: Welche konkreten Risiken und Opportunitätskosten entstehen, wenn ich die Entscheidung aufschiebe oder nicht treffe? Dieser Prozess erlaubt es mir, Emotionen von Fakten zu trennen und handlungsfähig zu bleiben.


Cybersecurity Talk Liechtenstein: Zwischen Streif und Cyberattacke
Unser Mitglied MTF lädt am 15. September 2026 zum Cybersecurity Talk Liechtenstein ins Hotel kommod nach Ruggell ein. Beim Anlass geht es um moderne Cyberkriminalität, konkrete Erfahrungen aus einem Ransomware-Angriff, aktive Verteidigung und darum, was Führungskräfte vom Spitzensport über Risiko, Vorbereitung und Entscheidungen unter Druck lernen können. Mit dabei ist unter anderem der ehemalige Liechtensteiner Skirennfahrer und heutige ZDF-Ski-Experte Marco Büchel. Der Anlass richtet sich an Geschäftsführende, Inhaberinnen und Inhaber, Verwaltungsräte, Führungskräfte sowie IT- und Security-Verantwortliche. Die Teilnahme ist kostenlos. Da die Anzahl Plätze begrenzt ist, wird eine frühzeitige Anmeldung empfohlen.
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